Die Europäische Union steht vor einer grundlegenden Umgestaltung ihrer Verteidigungsindustrie. Laut der Aufforderung der Europäischen Kommission müssen die europäischen Rüstungsunternehmen ihre Produktionskapazitäten deutlich erhöhen, damit der Kontinent auf die sich verschlechternde Sicherheitslage reagieren kann.
Europäischer Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt Andrius Kubilius sagte auf einem Sicherheitsforum in Madrid, dass die Produktion im Verteidigungssektor um das 50-fache gesteigert werden sollte. Er betonte die Notwendigkeit, neue Fabriken zu bauen, moderne Technologien einzuführen und qualifizierte Arbeitskräfte einzustellen. Außerdem müssten die Mitgliedstaaten eine langfristige und stabile Waffennachfrage sicherstellen, damit die Unternehmen Investitionssicherheit hätten und die Produktion rasch ausbauen könnten.
Wie der Atlantic Council feststellt, war Europa nach Jahrzehnten relativer Ruhe nicht auf einen langfristigen Konflikt vorbereitet, und seine Verteidigungskapazitäten erwiesen sich als unzureichend. Der russische Einmarsch in der Ukraine hat nach Ansicht von Experten Schwachstellen in den europäischen Liefer- und Produktionsketten für Rüstungsgüter offengelegt.
Die Europäische Kommission hat daher bereits spezifische Programme zur Unterstützung der Verteidigungsindustrie aufgelegt. Eines davon ist die ASAP-Initiative, die darauf abzielt, die Produktion von Artilleriemunition deutlich zu erhöhen und kritische Engpässe wie den Mangel an Schießpulver und Sprengstoff zu beseitigen. Parallel dazu wird das Europäische Programm für die Verteidigungsindustrie (EDIP) entwickelt, um gemeinsame Waffenkäufe und eine engere Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten zu fördern.
Laut Reuters ruft die rasche Aufrüstung Europas jedoch auch bei einigen Wirtschaftswissenschaftlern und Regulierungsbehörden Bedenken hervor. Sie warnen davor, dass die massiven staatlichen Investitionen die Dominanz einiger weniger großer Rüstungsunternehmen stärken und den Wettbewerb auf dem Markt einschränken könnten, was die Preise für militärische Ausrüstung in Zukunft erhöhen könnte.
Auch die Ukraine soll in die neue Strategie einbezogen werden. Die europäischen Institutionen wollen die ukrainische Kampferfahrung und technologische Innovation mit der EU-Produktionsbasis verknüpfen und gemeinsame Projekte für die Waffenentwicklung und -produktion schaffen.
Nach Ansicht von Sicherheitsanalysten tritt Europa damit in eine Phase der größten Aufrüstung seit dem Ende des Kalten Krieges ein. Dabei geht es nicht nur darum, Kiew weiterhin zu unterstützen, sondern vor allem darum, eine größere strategische Autonomie und die Fähigkeit zu erlangen, die eigene Sicherheit ohne große Abhängigkeit von außereuropäischen Lieferanten zu gewährleisten.
Die europäische Verteidigungspolitik wandelt sich somit rasch von einem Anhängsel der Außenpolitik zu einer ihrer obersten Prioritäten - und das Tempo dieser Veränderungen deutet darauf hin, dass sich der Wandel in der europäischen Rüstungsindustrie in den kommenden Jahren fortsetzen wird.
gnews.cz - GH