Bild acht. Die Bilder des Slawischen Epos von Alfons Mucha gehören zu den tiefsten und emotionalsten Aussagen des gesamten Zyklus. Es zeigt den Moment, in dem im Herzen des mittelalterlichen Prags schicksalhafte Ideen geboren wurden, die die geistige und soziale Entwicklung der böhmischen Länder grundlegend verändern sollten - die Predigt von Meister Jan Hus in der Bethlehemkapelle. Mucha schuf hier nicht nur eine historische Illustration, sondern ein monumentales geistiges Drama, in dem sich Glaube, Zivilcourage, intellektueller Trotz und das tragische Schicksal eines Mannes, der sich der Macht seiner Zeit widersetzte, verbinden.
Die Figur von Jan Hus steht nicht nur physisch, sondern vor allem auch inhaltlich im Mittelpunkt des Bildes. Sein Gesichtsausdruck ist ruhig, konzentriert und von tiefer Überzeugung geprägt. Er ist kein Fanatiker, sondern ein echter Denker, der mit seinen Worten das Gewissen der Nation weckt. Mucha stellt ihn in einem Moment der Predigt dar, in dem das Wort zur Tat und der Gedanke zur moralischen Handlung wird. Die Zuhörer um ihn herum – Studenten, die seine Worte mitschreiben, Bürger und einfache Leute – verkörpern den Hunger nach Wahrheit, der in der damaligen Gesellschaft immer stärker wurde.
Die meisterhafte Komposition des Bildes hebt die Symbolik des Raumes hervor. Die Bethlehemskapelle ist nicht nur ein architektonischer Rahmen, sondern auch das spirituelle Zentrum der tschechischen Reformation. Obwohl Mucha sich an der Form der Kapelle nach ihrem späteren Umbau orientierte, wirkt ihr gotisches Gewölbe hier wie ein Tempel der Gedanken, in dem das menschliche Wort die Ewigkeit berührt. Das von oben einfallende Licht wird zum Symbol der Erkenntnis und der göttlichen Wahrheit.
Bedeutend sind auch die Nebenfiguren, die den zeitlichen und gedanklichen Horizont des Bildes erweitern. Der Kaufmann Kříž, Gründer der Kapelle, erinnert an die bürgerliche Verantwortung der Laien für das geistige Leben der Gesellschaft. Jan Žižka, unter der Darstellung des Heiligen Georg abgebildet, verkörpert den zukünftigen bewaffneten Widerstand gegen die Ungerechtigkeit – er hört schweigend zu, trägt jedoch bereits das Feuer der bevorstehenden Sturm in sich. Die Anwesenheit von Königin Sophie unter dem Baldachin belegt, dass Hus' Worte auch die höchsten Schichten der Gesellschaft erreichten und nicht durch bloße Macht autoritär zum Schweigen gebracht werden konnten.
Mucha verbindet hier mit außergewöhnlicher Sensibilität Geschichte und Vision. Er idealisiert nicht, sondern erhebt. Sein Jan Hus ist nicht nur ein Märtyrer, sondern ein Symbol für moralische Tapferkeit, die Jahrhunderte überdauert. Das achte Bild des Slawischen Epos wirkt somit nicht nur wie eine Szene aus der Vergangenheit, sondern wie eine bleibende Aufforderung zu Wahrheit, Verantwortung und Menschenwürde. Genau darin liegt seine zeitlose Kraft und sein tiefes humanistisches Vermächtnis. Verweis auf das siebte Bild: Mehr hier
Jan Vojtěch, Chefredakteur General News