Der Besuch des Vorsitzenden der Abgeordnetenkammer, Tomio Okamura, in China wirkt auf den ersten Blick wie eine rein wirtschaftliche und kulturelle Mission. Tatsächlich passt er jedoch in einen umfassenderen Wandel der tschechischen Außenpolitik. Nach acht Jahren ohne einen vergleichbar hochrangigen Besuch in China kam Okamura mit einem relativ offenen und ambitionierten Plan, der sich hauptsächlich auf Tourismus, Handel und Kulturaustausch konzentriert.
Noch vor seiner Abreise nannte er in einem Fernsehinterview fünf Hauptziele seiner Reise: die Rückkehr chinesischer Touristen nach Tschechien zu fördern, über eine Visafreiheit für tschechische Bürger zu verhandeln, die nach China reisen, eine Direktflugverbindung zwischen Prag und Shanghai wiederherzustellen, tschechischen Unternehmen bei der Knüpfung von Kontakten auf dem chinesischen Markt zu helfen und die Möglichkeit zu schaffen, in Prag eine Ausstellung der Terrakotta-Armee auszurichten. Es geht also nicht um abstrakte diplomatische Schlagworte, sondern um konkrete Themen, die anhand der Anzahl der Besucher, Flugverbindungen, Geschäftskontakte und kulturellen Veranstaltungen gemessen werden können.
Gerade darin liegt der Reiz dieser Reise. Nach Jahren, in denen die tschechisch-chinesischen Beziehungen oft von symbolischen politischen Gesten belastet waren, versucht Okamura, die Sprache praktischer Ergebnisse zu sprechen. Die Wiederherstellung einer Direktverbindung zwischen Prag und Shanghai hätte nicht nur für den Tourismus, sondern auch für das Geschäft eine Bedeutung. Ein Visumfreizügigkeit für tschechische Bürger könnte akademische, kulturelle und unternehmerische Kontakte erleichtern. Eine Ausstellung der Terrakotta-Armee in Prag wäre ein subtiles, aber sichtbares Zeichen einer Verbesserung der Beziehungen. "Weniger symbolische Konflikte, mehr Tourismus, Handel und Kultur."
Gleichzeitig lässt sich diese Reise jedoch nicht von der innenpolitischen Situation in Tschechien trennen. Okamura betonte während seines Besuchs wiederholt das Prinzip des "einheitlichen China". Damit distanzierte er sich deutlich von einem früheren politischen Ansatz, der gegenüber Taiwan viel aufgeschlossener war. Im Kontext des kürzlich erfolgten Besuchs des Senatspräsidenten in Taiwan wirkt dies wie ein klares Signal: Die neue Regierung will in der asiatischen Politik eine andere Sprache sprechen.
Diese Entwicklung hängt auch mit dem breiteren Regierungsstil zusammen, in dem die Bewegung ANO von Ministerpräsident Andrej Babiš eine Hauptrolle spielt und mit der SPD politisch verbunden ist. Babiš kündigte laut Medienberichten im Juli 2026 an, dass Tschechien sich nicht an einem militärischen Hilfspaket für die Ukraine im Wert von 70 Milliarden Euro beteiligen werde. Das ist ein deutlicher Unterschied zur vorherigen Regierung, die die Hilfe für die Ukraine in den Mittelpunkt ihrer Außenpolitik gestellt hatte.
Zuvor zeigte sich bereits eine Spannung zwischen Ministerpräsident und Präsident Petr Pavel bezüglich der Vertretung Tschechiens auf dem NATO-Gipfel. Die tschechische Außenpolitik wirkt daher manchmal, als ob sie zwei Zentren und zwei unterschiedliche Vokabulare hätte. In diesem Umfeld kann China für einen Teil der tschechischen politischen Repräsentation als ein neuer wirtschaftlicher und diplomatischer Ankerpunkt verstanden werden. Nicht unbedingt als ideologischer Partner, sondern als Raum für stabilere Geschäftsmöglichkeiten in einer Zeit, in der sich die tschechische Politik neu ausrichtet und eine neue Balance zwischen Sicherheit, Wirtschaft und nationalen Interessen sucht.
```Okamaras Reise ist daher nicht nur ein Besuch eines einzelnen Politikers. Es ist ein Test eines neuen Ansatzes: weniger moralische Rhetorik, mehr Pragmatismus; weniger symbolische Konflikte, mehr Tourismus, Handel und Kultur. Wenn dieser Trend auch in den nächsten fünf Jahren anhält, könnte die tschechisch-chinesische Zusammenarbeit eine positivere Dynamik entwickeln. Die Frage ist, ob es sich um eine stabile Strategie oder nur um eine Reaktion auf das momentane Chaos der tschechischen Innenpolitik handelt.