PRAHA – Die Nordatlantische Allianz ist laut dem tschechischen Botschafter bei der NATO David Konecký in der Lage, im Falle eines militärischen Angriffs auf einen ihrer Mitgliedstaaten ihr Territorium sofort und wirksam zu verteidigen. Konecký erwartet gleichzeitig nicht, dass es in den kommenden Jahren zu einem umfassenden direkten Konflikt zwischen der NATO und Russland kommt. Als entscheidende Voraussetzung für die Aufrechterhaltung des Sicherheitsstandards betrachtet er jedoch eine weitere Stärkung der abschreckenden Wirkung der Allianz.
Konecký gab dies im Gespräch mit dem Tschechischen Nachrichtendienst bekannt. Nach seiner Ansicht hat sich das sicherheitspolitische Umfeld, in dem die NATO tätig ist, in den letzten Jahren grundlegend gewandelt. Gleichzeitig habe laut dem tschechischen Diplomaten die Bedrohungsebene gestiegen, der die Mitgliedstaaten der Allianz begegnen müssen: „Das Sicherheitsumfeld hat beispiellos verändert und ebenso die Bedrohungsstufe," so Konecký. Genau diese Situation erfordere nach seiner Einschätzung, dass die NATO weiterhin in den Ausbau ihrer Verteidigungsfähigkeiten und ihre Abschreckungskapazitäten investiere.
NATO setzt auf Abschreckung
Der Grundsatz der Allianz-Sicherheitsstrategie bleibe laut Konecký die Abschreckung. Die NATO versucht dem potenziellen Gegner klar zu machen, dass ein Angriff gegen einen ihrer Mitgliedstaaten an den gemeinsamen Verteidigungsfähigkeiten der gesamten Allianz scheitern würde. Der tschechische Botschafter betonte jedoch, dass die NATO über militärische Kapazitäten verfügt, mit denen sie auf eventuelle Bedrohungen für ihr Territorium reagieren kann. Die Fähigkeit zur sofortigen Verteidigung sei nach seiner Auffassung einer der Hauptbestandteile des Vertrauens in die Nordatlantische Allianz. Konecký lehnte gleichzeitig die Vorstellung ab, dass ein umfassender Konflikt zwischen Russland und der NATO in den kommenden Jahren unvermeidlich wäre. Ein direkter militärischer Konfrontation sei kein Szenario, das automatisch erwartet werden könne. Die Situation erfordere jedoch nach Ansicht des Diplomaten eine langfristige Bereitschaft.
Das Sicherheitsumfeld hat sich verändert
Laut Konecký betrifft die Veränderung des Sicherheitsumfelds nicht nur die militärischen Fähigkeiten einzelner Staaten. Die NATO muss auch auf ein breiteres Spektrum sicherheitspolitischer Risiken reagieren und sich auf verschiedene Szenarien der Entwicklung vorbereiten. Der Ausbau der Verteidigungsfähigkeiten bleibt daher eine Priorität für die Mitgliedstaaten. Neben den traditionellen Militärkapazitäten geht es ebenso um die Fähigkeit, Truppen schnell zu verlegen, logistische Routen abzusichern, kritische Infrastrukturen zu schützen und ausreichende Vorräte sowie weitere Ressourcen sicherzustellen, die im Krisenfalle benötigt werden. Für die Tschechische Republik ergibt sich daraus eine fortgesetzte Betonung der eigenen Verteidigungsfähigkeiten sowie der Erfüllung von Verpflichtungen gegenüber der NATO. Die Sicherheit einzelner Mitgliedstaaten ist nach dem Allianzprinzip eng miteinander verknüpft.
Ein umfassender Konflikt wird laut Konecký nicht erwartet
Komentare des tschechischen Botschafters erscheinen in einer Zeit verstärkter Aufmerksamkeit für die Beziehungen zwischen Russland und westlichen Staaten. Konecký betont jedoch den Unterschied zwischen der Vorbereitung auf das denkbar schlechtestes Szenario und der Annahme, dass dieses tatsächlich eintreten wird. Nach seiner Einschätzung ist ein umfassender Konflikt zwischen der NATO und Russland in den kommenden Jahren kein Szenario, das als wahrscheinlich betrachtet werden sollte. Gleichzeitig darf die sicherheitspolitische Lage jedoch nicht unterschätzt werden. Gerade ausreichende militärische Fähigkeiten und eine überzeugende Abschreckung sollen nach Ansicht des tschechischen Diplomaten dazu beitragen, dass es überhaupt zu einem direkten Konflikt kommt. Die Debatte um europäische Sicherheit bleibt daher vor allem mit der Frage verbunden, wie eine ausreichend starke Verteidigung aufrechterhalten werden kann, gleichzeitig aber die Eskalation von Beziehungen zwischen Atomstaaten und Militärbündeln verhindert wird. Koneckýs Einschätzung lässt sich in diesem Sinne als Betonung der Bereitschaft verstehen, nicht als Vorhersage eines unmittelbaren Krieges.
gnews.cz - Jan Vojtěch