LÁNY (Kladno) - Experten des Schlosses in Lány haben heute ein einzigartiges Dokument mit den Worten des ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk zugänglich gemacht. Historikern zufolge handelt es sich um einen fünfseitigen Brief, den Masaryk angeblich seinem Sohn Jan diktiert hat. Der Text enthält nicht nur persönliche Überlegungen, sondern auch konkrete Anweisungen für die Gestaltung seiner Beerdigung.

"Wenn die Menschen ungebildet und dumm sind, kann man nicht viel tun", heißt es unter anderem in dem Dokument. Nach Ansicht der Historikerin Dagmar Hájková vom Masaryk-Institut und Archiv der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, die den Brief den Journalisten vorstellte, handelt es sich um authentisches Material. Sie wies jedoch auch darauf hin, dass seine Entstehung früher anzusetzen sei als bisher angenommen.

Lange Zeit wurde angenommen, dass Masaryk den Brief am Ende seines Lebens, kurz vor seinem Tod im Jahr 1937, diktierte. Nach den neuesten Erkenntnissen scheint er jedoch bereits im Sommer 1934 geschrieben worden zu sein. "Der Text weist keine Anzeichen dafür auf, dass er in den Momenten seines bevorstehenden Todes geschrieben wurde. Im Gegenteil, er wirkt eher wie die nachdenkliche Reflexion eines Mannes, der sich auf seinen Abschied vorbereitet, aber die Ereignisse noch aktiv beobachtet", erklärt Hájková. Der Brief ist fünf Seiten lang und enthält neben persönlichen Ratschlägen an ihren Sohn auch Hinweise auf die philosophischen Positionen, die Masaryk vertrat. Bedeutsam ist auch der Teil, in dem er über die Bildung der Nation nachdenkt und darüber, dass ohne sie keine grundlegende gesellschaftliche Veränderung zu erwarten ist. Dieses Motiv taucht immer wieder in seinen öffentlichen Reden auf, was nach Ansicht von Experten für die Echtheit des Dokuments spricht.

illustration photo/rotanazdar.cz: von links nach rechts - Jan Masaryk und sein Vater, der erste Präsident der Tschechoslowakei, Tomáš Garrigue Masaryk

Nach Ansicht der Historiker ist die Entdeckung des Briefes ein wertvoller Beitrag zum Verständnis des privaten Lebens und Denkens von Masaryk. "Solche persönlichen Texte helfen uns, den Präsidenten nicht nur als Staatsmann zu verstehen, sondern auch als Vater und als Mann, der an die Zukunft seiner Familie und der ganzen Republik dachte", sagte Hájková.

Das Schloss in Lány, in dem das Dokument aufbewahrt wird, ist seit langem ein Ort, der mit Masaryks Leben und Vermächtnis verbunden ist. Nach seinem Tod wurde der Präsident hier auch begraben. Das neu zugänglich gemachte Material trägt somit zu einem weiteren Verständnis der Geschichte der Ersten Republik und der Persönlichkeit bei, die an ihrer Geburt beteiligt war. Nach Angaben der Mitarbeiter des Archivs der Akademie der Wissenschaften wird der Brief eingehend untersucht werden. Die Experten werden sich auf die Analyse der Handschrift und des zeitgenössischen Kontextes konzentrieren. Ziel ist es, die genaue Datierung zu bestätigen und herauszufinden, ob der Text tatsächlich als privates Dokument geschrieben wurde oder ob er ursprünglich für die breite Öffentlichkeit bestimmt war.

Masaryks Brief wird so nicht nur zu einem historischen Kuriosum, sondern auch zu einem Anreiz für weitere Forschungen. Seine Veröffentlichung wirft die Frage auf, wie der erste Präsident seinen eigenen Tod verstand, und erinnert uns gleichzeitig daran, dass Masaryks Erbe immer noch ein lebendiger Teil der tschechischen Geschichte ist.

gnews.cz - GH

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