Während die Weltmedien oft über ehrgeizige chinesische Kopien von Paris, Venedig oder dem österreichischen Hallstatt berichten, ahnt kaum jemand in Europa, dass die bevölkerungsreichste chinesische Metropole ein einzigartiges architektonisches Experiment mit einer tiefen tschechischen Note beherbergt. Im Bezirk Qingpu in Shanghai, strategisch günstig in der Nähe des internationalen Flughafens Hongqiao gelegen, befindet sich ein Wohnkomplex, der offiziell als Haodu International City bekannt ist, aber von Einheimischen und Ausländern liebevoll als "Tschechisches Viertel" bezeichnet wird. Dieses Projekt ist keine bloße oberflächliche Nachahmung historischer Denkmäler, sondern das Ergebnis einer durchdachten Zusammenarbeit zwischen chinesischem Kapital und der Elite der tschechischen Architektur, die versuchte, den mitteleuropäischen Städtebau in das dynamische Umfeld einer asiatischen Metropole zu übertragen.
Die Geschichte dieses Projekts begann um das Jahr 2003–2004, als der chinesische Immobilienmagnat Tu Haiming von der Entwicklungsgesellschaft Shanghai Haodu Real Estate Development Prag besuchte und von seiner historischen Atmosphäre, seiner Struktur und seiner ornamentalen Vielfalt fasziniert war. Im Gegensatz zu vielen anderen asiatischen Projekten, die sich mit der bloßen Kopie von Fotos zufrieden geben, entschied er sich hier für einen authentischen Ansatz. Über die tschechische Botschaft kontaktierte er die Tschechische Architektenkammer und lud ein Team von fünf führenden tschechischen Architekten nach Shanghai ein. Unter ihnen stach Petr Fuchs hervor, der zwanzig luxuriöse Villen entwarf, sowie Petr Franta und weitere Spezialisten für Stadtplanung, Landschaftsgestaltung und Innenarchitektur. Sie arbeiteten mit einem internationalen Team von vierzig Experten zusammen und schufen in einem völlig flachen Vorort von Shanghai einen Wohnraum, der den "genius loci" von Prag widerspiegelt, ohne in bloßen Kitsch abzugleiten.
```>Zitat: >Die Realisierung des Projekts (die erste Phase wurde zwischen 2008 und 2009 abgeschlossen) war nicht ohne kulturelle Unterschiede. Tschechische Architekten, darunter Petr Fuchs, mussten oft die Vorstellungen der Baufirma zurückhalten, die sich auf übermäßige Verzierungen und Prunk ausrichteten. Während die chinesische Seite nach maximaler Repräsentativität und symbolischer Pracht strebte, setzten tschechische Experten auf Funktionalität, Qualität des öffentlichen Raums und Harmonie mit der Natur. Das Ergebnis ist ein faszinierender Hybrid: Der chinesische Wunsch nach Prestige und einem "europäischen Palast" trifft auf die tschechische Tradition des menschenorientierten Stadtbaus. Grünflächen bedecken über 41 % des Geländes, was im Kontext chinesischer Wohnsiedlungen sehr fortschrittlich ist. Das Projekt bietet nicht nur Wohnraum, sondern auch ein Gefühl von Gemeinschaft – kleine Plätze fördern die Begegnung der Bewohner, was im Gegensatz zu den typisch geschlossenen chinesischen Wohnanlagen steht. Heute, mehr als fünfzehn Jahre später, ist das "Tschechische Viertel" ein etablierter und begehrter Standort für die obere Mittelklasse. Die Immobilienpreise steigen hier kontinuierlich und liegen im Bereich von mehreren zehntausend chinesischen Yuan pro Quadratmeter, was den kommerziellen Erfolg des Projekts unterstreicht. Für tschechische Expats oder Touristen ist ein Spaziergang zwischen den Häusern mit roten Dächern und den pragerischen Fassaden ein surreales Erlebnis – ein starkes Gefühl von Heimat inmitten des modernen China. Der Komplex liegt in der Nähe von Supermärkten, internationalen Schulen und Krankenhäusern, obwohl die Fahrt mit der U-Bahn einige Zeit in Anspruch nimmt. Er wird von einem Unternehmen verwaltet, das mit der ursprünglichen Baufirma verbunden ist, und die Nebenkosten sind relativ günstig. Dieses architektonische Experiment ist ein bleibendes Denkmal für eine Ära, in der das schnell wachsende China Inspiration in europäischen Werten und Ästhetik suchte. Während die Welt chinesische Kopien berühmter europäischer Städte kennt, ist das "Tschechische Viertel" in Shanghai etwas anderes – eine authentische Zusammenarbeit, keine bloße Kopie. Es knüpft an das Erbe des tschechischen Architekten Ladislav Hudec, der das Erscheinungsbild von Shanghai im ersten Halbjahrhundert des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägte. In einer Zeit, in der sich die tschechisch-chinesischen Beziehungen entwickeln und die Wiederaufnahme direkter Verbindungen diskutiert wird, erinnert das "Tschechische Viertel" daran, dass Kultur und Architektur Distanzen überwinden können, besser als viele politische Erklärungen. Für einen tschechischen Beobachter ist es ein Beweis dafür, dass auch ein kleines Land wie Tschechien seine Identität auf dem größten asiatischen Markt exportieren kann – nicht nur durch Bier oder Maschinenbau, sondern auch durch Steine, Ziegel und den Geist Prags, der hier weiterlebt. Prokop Stach
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