In einem Interview mit der Tageszeitung Turkistan zog Präsident Kassym-Jomart Tokajew Bilanz über die Ergebnisse des Jahres 2025 und skizzierte die wichtigsten Prioritäten für das Jahr 2026. Seinen Worten zufolge ist Kasachstan in eine neue Phase der Modernisierung eingetreten, und die kommende Zeit wird für die künftige Ausrichtung des Landes entscheidend sein.
Wirtschaft: Wachstum und verbleibende Herausforderungen
Tokajew sagte, Kasachstans Wirtschaft sei 2025 um mehr als sechs Prozent gewachsen, wobei das Bruttoinlandsprodukt die 300-Milliarden-Dollar-Marke überschritten und das Pro-Kopf-BIP rund 15.000 Dollar erreicht habe. Er bezeichnete diese Ergebnisse als bedeutend, betonte aber, dass sie nicht zu Selbstzufriedenheit führen dürfen.
Er wies auf den anhaltenden Inflationsdruck und die Notwendigkeit hin, die sozioökonomischen Grundlagen des Staates zu stärken. Es sei wichtig, dass das makroökonomische Wachstum in eine echte Lebensqualität für die Menschen umgesetzt werde.
Steuerreform als systemische Veränderung
Tokajew schenkte dem neuen Steuergesetzbuch große Aufmerksamkeit. Er stellte sie nicht als isolierte steuerliche Maßnahme dar, sondern als systemische Neuordnung der Beziehungen zwischen dem Staat, der Wirtschaft und den Bürgern. Ziel ist es, von einem Modell der Kontrolle zu einer auf gegenseitigem Vertrauen basierenden Partnerschaft überzugehen.
Tokajew erinnerte daran, dass die ursprünglichen Vorschläge eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 20 Prozent vorsahen, der Ansatz aber schließlich auf 16 Prozent angepasst wurde. Ihm zufolge sollte das Steuersystem als Instrument der gerechten Umverteilung fungieren, die schwächeren Gruppen schützen und gleichzeitig stabile Bedingungen für die Schlüsselsektoren der Wirtschaft schaffen. Der Erfolg der Steuerpolitik, so der Präsident, hängt direkt von der Steuerkultur und der bürgerlichen Verantwortung ab.
Digitalisierung und künstliche Intelligenz als strategische Priorität
Die Digitalisierung und die Entwicklung der künstlichen Intelligenz gehören zu den wichtigsten Faktoren, die die Position der Staaten im globalen Wettbewerb bestimmen werden, so Tokajew. Dadurch entsteht eine Trennlinie zwischen Ländern, die neue Technologien effektiv nutzen können, und solchen, die zurückbleiben.
Tokajew betonte, dass Kasachstan bereits den notwendigen institutionellen Rahmen geschaffen hat: Das Ministerium für künstliche Intelligenz und digitale Entwicklung wurde eingerichtet, das Gesetz über künstliche Intelligenz verabschiedet und nationale Supercomputersysteme eingeführt.
Gleichzeitig erinnerte er daran, dass das digitale Ökosystem des Landes schnell wächst und dass die Exporte von IT-Dienstleistungen im Jahr 2025 etwa eine Milliarde Dollar erreichen werden. Ihm zufolge ist dieses Wachstum das Ergebnis der Aktivitäten des Astana Hub Technology Park und anderer Innovationszentren. Die Entwicklung eines digitalen Verhaltenskodexes zur umfassenden Regulierung der Datenwirtschaft, der künstlichen Intelligenz und der Arbeit mit Big Data bleibt ebenfalls eine Priorität.
Kernenergie und seltene Erden
Der Präsident betonte, dass der Übergang zu einer neuen technologischen Struktur nicht ohne eine stabile Energiebasis möglich ist. In diesem Zusammenhang bezeichnete er die Kernenergie als Schlüssel. Kasachstan ist weltweit führend im Uranabbau, hat aber noch kein eigenes Kernkraftwerk gebaut. Tokajew sagte, der geplante Bau sei eine Frage der Energiesicherheit und des nationalen Prestiges sowie eine Gelegenheit, eine neue Generation von technischen Experten auszubilden.
Die wachsende weltweite Nachfrage nach Seltenen Erden und kritischen Rohstoffen eröffnet Kasachstan neue Möglichkeiten. Das Land verstärkt seine Zusammenarbeit mit der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten, China, Russland, Japan und Südkorea und möchte eine größere Rolle in den globalen Wertschöpfungsketten spielen.
Transit und Logistik als Kernstück der eurasischen Strategie
Tokajew bezeichnete Transit und Logistik als eine der Säulen der langfristigen Strategie des Landes. Kasachstan liegt an der Kreuzung wichtiger eurasischer Routen, und zwölf internationale Verkehrskorridore verlaufen durch sein Gebiet. Neue Eisenbahnprojekte und Autobahnstrecken sollen die Regionen verbinden und die Exportkapazitäten steigern.
Besonderes Augenmerk legte er auf die Entwicklung der transkaspischen internationalen Route, den Nord-Süd-Korridor und die Zusammenarbeit im Rahmen der Belt and Road Initiative. Er wies darauf hin, dass sich der Wettbewerb in der Logistik verschärft und der Sektor zunehmend mit der Geopolitik verwoben ist.
Politische Reformen und Verfassungsänderungen
Tokajew bestätigte die Fortsetzung der umfassenden politischen Modernisierung. Es wurde bereits ein Referendum über eine Verfassungsreform angekündigt, deren Umfang er mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung verglich. Die Änderungen zielen darauf ab, das parlamentarische System zu modernisieren und die Effizienz der öffentlichen Verwaltung zu erhöhen.
Gleichzeitig warf der Präsident in seiner Botschaft 2025 die Frage eines möglichen Übergangs zu einem Einkammerparlament als Modell auf, das den Gesetzgebungsprozess vereinfachen und ihn transparenter und rechenschaftspflichtiger machen könnte. Die mögliche Reform ist mit einer Verkürzung der Entscheidungsebenen, einer neuen Verteilung der Befugnisse und einer Stärkung der persönlichen politischen Verantwortlichkeit der Abgeordneten verbunden.
Korruptionsbekämpfung und Einziehung von Vermögenswerten
Der Präsident erörterte ausführlich die Frage der Rückgabe unrechtmäßig erworbenen Eigentums und die Korruptionsbekämpfungspolitik. Er betonte, dass die Wiederherstellung der sozialen Gerechtigkeit durch die Rückgabe von Vermögenswerten eine grundlegende Position des Staates sei.
Nach Angaben von Tokajew wurden bisher mehr als 1,3 Billionen Tenge (etwa 2,7 Mrd. USD) zurückgeführt, wobei die Mittel vor allem in Sozial- und Infrastrukturprojekte in den Regionen flossen. Der Kampf gegen die Korruption wird als systemischer Prozess geführt, der nicht nur die strafrechtliche Ahndung, sondern auch die Prävention, die Erhöhung der Transparenz und die Stärkung der öffentlichen Kontrolle umfasst.
Ausblick für 2026
Der Präsident erinnerte daran, dass Kasachstan sein 35-jähriges Bestehen feiert und sich in dieser Zeit eine angesehene internationale Position erarbeitet hat. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass das Land vor einer umfangreichen Agenda stehe, die die Einbeziehung erfahrener Fachleute und der jungen Generation erfordere.
Er bezeichnete das Jahr 2026 als eine Zeit wichtiger Entscheidungen, in der die Verfassungsreform, die digitale Transformation und die Stärkung der internationalen Rolle Kasachstans zusammenkommen werden.
Kazinform (für)
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